By Conny
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Manchmal frage ich mich, was für ein egoistisches Arschloch ich eigentlich bin. Und viele andere. Manchmal denke ich gar nicht daran. Es ist schon nahezu faszinierend, wie man das eigene Wissen ausschalten und ignorieren kann. Vor allem wenn es ums Essen geht. Und den dazugehörigen Stempel.

Der erste Stempel

Wir kommen zur Welt und in den meisten Fällen waren unsere Eltern weder Vegetarier noch Veganer. Als ich geboren wurde, waren beide Begriffe alles andere als populär. Da wir als kleine Kinder ja irgendwie abhängig von der Nahrungsauswahl unserer Eltern sind und außerdem ein Urvertrauen besitzen und prinzipiell erstmal alles gut finden, was Mama und Papa so machen, sind wie in den meisten Fällen als Fleisch(fr)esser in die Welt gestartet.

Ich weiß, dass es heute Kinder gibt, die schon vegetarisch oder gar vegan leben. Mir imponiert das, auch wenn ich mich frage, ob man mit 10 Jahren wirklich in der Lage ist, die Tragweite solcher Entscheidungen und auch Nicht-Entscheidungen zu verstehen oder ob man nicht vielmehr die Entscheidungen der Eltern mitträgt und deren Einstellungen automatisch übernimmt.

Der zweite Stempel

Wenn du heute Vegetarier bist, dann schaut dich (hoffentlich) keiner mehr doof von der Seite an. Früher war das sicher anders und ich kann mir vorstellen, dass es irgendwo in der tiefsten Pampa auch heute noch so ist. Ich glaube, das liegt dann weniger an dem fehlenden Wissen der Menschen in der Pampa, als vielmehr an deren Lebenswelt.

Schauen wir doch mal zu unseren Großeltern. Die, die auf dem Land leben und vielleicht sogar eigene Tiere halten oder früher mal hielten. Und zwar für die eigene Versorgung, nicht für einen Großkonzern. Für sie hat der Konsum von Fleisch einen ganz anderen Stellenwert als für uns, die mir nichts dir nichts zur Kühltheke gehen und uns die bereits in Scheiben geschnittene Salami aus dem Regal nehmen.

Menschen mit eigenen „Nutztieren“ (über diesen Begriff kann man auch ganze Romane schreiben) ist das Schlachten nicht fremd. Es muss halt gemacht werden, sonst hat man kein Fleisch. Aber da sie in den wenigsten Fällen (und vor allem weil ich hier ja von privaten Bauern spreche, die keinen Profit daraus schlagen) hunderte Rinder haben, kann man es sich schon aus diesem Grunde gar nicht erlauben, täglich Wurst und Fleisch zu essen.

Diese Menschen haben noch eine Beziehung zum Tier. Weil sie den Kreislauf kennen. Geburt, Leben, Tod. Auch wenn dieser Tod in unserer Welt Schlachtung heißt. Diese Menschen leben aber auch soweit es eben geht den natürlichen Kreislauf. Da frisst eine Kuh noch Gras. Und hat noch Hörner. Da kann sich ein Schwein noch im Dreck suhlen. Und da werden auch keine Küken geschreddert.

Der dritte Stempel

Wenn wir aber nun keinen Zugang mehr zu diesen Tieren, zu ihren Gefühlen und Empfindungen haben, dann verrohen wir. Verständlicherweise. Wenn du in einer Großstadt lebst und nie aus dem Stadtkern heraus kommen würdest, dann siehst du keine „Nutztiere“.

Schau mal hinten auf die Wurstverpackungen: das hat wenig mit Wurst zu tun. Vielmehr mit Antioxidationsmittel und Pökelsalz. Und vielen anderen unaussprechlichen Dingen. Aber es geht ja gar nicht unbedingt in erster Linie um das Gepansche von Nahrungsmitteln.

Es geht um das Leid der Tiere. Und leider ist das Vegetariersein nicht der Königsweg. Jedes vegetarische Gericht ist natürlich ein Gewinn. Aber man sollte nicht vergessen, welche Maschinerie auch hinter Milchprodukten und Eiern steht. Es gibt einschlägige Reportagen, man gibt nur ein Wort bei Google ein und schon bekommt man Millionen von Ergebnissen.

Wenn man also wirklich konsequent etwas gegen diese ganze Kackscheiße unternehmen will, dann muss man eigentlich vegan sein. Und schlägt damit viele Fliegen mit einer Klappe. Vegansein verbraucht z.B. auch weniger Wasser, da die „Produktion von Fleisch“ viel mehr Ressourcen benötigt, als das Wachsen von Gemüse und Obst.

Aber das ist hier kein Plädoyer.

Mein eigener Stempel

Kommen wir zurück zum egoistischen Arschloch. Und ja, das frage ich mich manchmal ernsthaft. Gerade schreibe ich über den ganzen Mist und morgen beiße ich in meine Käsewiener.

Ich bin vor ein paar Tagen in München am Schlachthof vorbei gegangen und habe die Kühe schreien hören. Das hat mir eine Gänsehaut gemacht. Und was mache ich? Richtig, esse weiterhin Fleisch. Warum? Das weiß ich selber manchmal nicht.

Ich bin hin- und hergerissen zwischen meinem Wissen, dem Wissen, eine Verantwortung gegenüber denen zu tragen, die sich eben nicht äußern können und andererseits meinem Gaumen. Das hört sich albern an, aber mich schränkt es ein, mich setzt es unter Druck, wenn mein Essen einen Stempel trägt. Ich mag essen, worauf ich Appetit habe.

Eigentlich wollte ich gerade schreiben, dass ich eh nicht viel Fleisch esse. Dann habe ich den Satz gelöscht. Warum muss ich mich eigentlich rechtfertigen?

Ich lebe inzwischen nach der Prämisse, dass jedes vegetarische Gericht, ja besser noch jedes vegane Gericht ein Gewinn ist. Da ich weiß, wie lecker und gut veganes Essen sein kann, koche ich gern oft so. Aber ohne mich jetzt Vegetarierin oder Veganerin zu nennen.

Weil mein Essen halt keinen Stempel trägt…

Beitragsbild via Unsplash.

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3 Comments
 
  1. Aurelia / 7. September 2016 at 14:24 /Antworten

    Moin Conny,
    ich bin auch ein Arschloch!
    So vieles was man weiß über die Missstände in der Tierhaltung und trotzdem mag man es nicht komplett verbannen. Ist bei mir auch so, denn ich esse gerne alles mögliche und finde es auch nicht verwerflich das zu tun, aber im Hinterkopf da spuken die Berichte und Bilder rum wie es den Lebewesen die ich esse ergangen ist. Das macht mich wütend und zugleich traurig, weil es anders gehen könnte.

    • Conny / 7. September 2016 at 20:23 /Antworten

      Liebe Aurelia,
      die Frage ist ja (leider): kann es wirklich anders gehen? Ich meine, könnte man die Mengen an Fleisch und tierischen Produkten wirklich fair herstellen? Dann müssten wir alle reduzieren und selbst zu einer Reduzierung sind viele nicht bereit. Wie man es dreht und wendet, die Verlierer sind leider immer die Tiere.

      • Aurelia / 9. September 2016 at 15:51

        Ich denke auch solange der Profit und die Geldgier in der Hand von einigen wenigen liegt wird eine Änderung nur schwer umzusetzen sein.
        Ohne ein radikales Umdenken bei der Herstellung und Produktion von Lebensmitteln wird es immer viele Verlierer und nur wenige Gewinner geben.

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